| Der Klassizismus wird in Deutschland allgemein als gebräuchliche Bezeichnung für jene Stilstufe der abendländischen Kunst bezeichnet,
die in der 2. H. des 18. Jhs. als Gegenbewegung zum Barock und - Rokoko entsteht und in der i. H. des 19. Jhs. vom Historismus abgelöst wird. Die im 20. Jh. an diesen Klassizismus anknüpfende Bewegung heisst in Deutschland Neoklassizismus. In den westl. und nördl. Ländern entstand in Weiterführung der Gedanken der Renaissance im 7. Jh. ein Stil, für den die Merkmale des Barock nur bedingt gelten und der in der internationalen Kunstwissenschaft klass. Stil und bei uns barocker Klassizismus genannt wird. Die Stilstufe, die hierauf folgt und die man in Deutschland Klassizismus nennt, heisst daher in diesen Ländern Neuklassizismus..
Der Ausdruck >klassisch< bezeichnet ganz allgemein jene Form, die sich an >klassischen< Vorbildern der röm.-griech. Antike orientiert, d.h. auch die karolingische und ital. Renaissance. Im Mittelalter umfasste er die gesamte griech. und röm. Literatur und bildende Kunst, immer im Sinne von >anerkannter Autorität<. Die verschiedenen Versuche, zu den Gesetzen und Ordnungen der röm. Kunst zurückzukehren, waren
fast immer mit der Absicht verbunden, den Ruhm und den Glanz des antiken Rom zu erneuern oder wiederzugewinnen. Vom 16. Jh. an gewann die Renaissanceinterpretation der Antike fast ebensoviel Gewicht wie die Antike selbst. Zur Zeit der Renaissance erschienen die ersten Schriften, in denen eine klass.Architekturtheorie entwickelt wurde. Sie beruhten in erster Linie auf der wirren und verwirrenden Abhandlung Vitruvs, die 1414 wiederentdeckt worden war. Während des 17. Jhs. hielt man sich im
wesentlichen an diese klass. Architekturtheorie, obwohl die Werke vieler Architekten davon nur wenig erkennen lassen. Im Frankreich des späten 17. Jhs.kehrte man jedoch sowohl in der Praxis wie in der Theorie zu den klass. Regeln zurück, und im England des frühen 18.Jhs. waren Architekten wie Burlington und Kent Wegbereiter eines Klassizismus, der sich an Jenes und Palladio orientierte. Manche Forscher sehen in diesem Palladianismus die erste Phase der klassiz. Bewegung des späten 18. Jhs.
Die Bewegung begann in den 50er Jahren des 18.Jhs. als Reaktion auf den späten Barock und das Rokoko; in ihr spiegelt sich das allgemeine Verlangen dieser Zeit nach festen Regeln, die das Ergebnis aus Naturgesetz und rationalen Überlegungen sein sollten. Für Kunst und Architektur bedeuten sie eine Rückkehr zu »edler Einfalt und stiller Größe«, die Winckelmann als Grundzug der griech. Kunst ansah. So richtete man von neuem die Aufmerksamkeit auf antike Bauten in
Europa und Kleinasien, und Piranesis Stiche, in denen formale und räumliche Aspekte so stark betont werden, schufen ein ganz neues Bild der römischen Architektur. Man lehnte jetzt >unrichtige< Motive ab und verwendete nur die, die sich archäologisch als richtig erwiesen hatten. Dennoch führte dies nur selten dazu, dass man griech. oder röm. Gebäude einfach kopierte, was auch in den theoretischen Schriften nie empfohlen wurde. Theoretiker wie Laugier und Lodoli forderten eine
rationale Architektur, beruhend auf Regeln, die auch der römischen Architektur zugrunde lagen. Mit diesen neuen Vorstellungen verband sich in zunehmendem Maße ein Hang zum Ursprünglichen; man glaubte, Kunst wie Gesellschaft seien in ihrer einfachsten Form am reinsten und besten gewesen. So lernte man die Strenge griech.dor. Bauten schätzen, die durch die, Publikationen von Stuart u. a. wie auch durch die Entdeckung der frühen dor. Tempel in Sizilien und
Paestum der Öffentlichkeit bekannt gemacht wurden. Diese Sehnsucht nach Einfachheit führte auch zur Entwicklung einer Architektur aus rein geom. Formen Kubus, Pyramide, Zylinder und Kugel, die ihre klarste Ausprägung in den Entwürfen von - Boullee, Ledoux und Gilly und in den Bauten von Soane in England, von Latrobe in den USA und von Sacharow in Rußland fand. Stilmerkmale: Klassiz. Bauten sind in der Regel von strenger Monumentalität. Dekor, auch klass., wird
sparsam verwendet, manchmal wird ganz auf ihn verzichtet. Die Säulenordnungen sind häufig konstruktiv bedingt und nicht mehr reines Dekorationselement, sie tragen Gebälke und dienen nicht nur als Wandverkleidung. Ungebrochene Konturen betonen und verdeutlichen innen wie aussen die räumliche Ordnung. Das zum Gesamtkunstwerk tendierende organische Bauprinzip des Barock, das durch ein zwangloses Ineinandergreifen der einzelnen Teile eine Einheit entstehen liess, wird nun ersetzt durch eine
blockhafte Baugliederung, die die einzelnen geom. konzipierten Bauteile streng umreisst und sie additiv, manchmal unvermittelt, nebeneinander anordnet. Im frühen 19.Jh. wichen diese strengen Prinzipien einer mehr malerischen und auf Eleganz angelegten Baukunst (Architektur); das Dekor wird reicher, das Verhältnis zur Vergangenheit literarischer. In Frankreich orientiert man sich jetzt am reichen, luxuriösen und ausdrucksstarken Stil der römischen Kaiserzeit;
nach Napoleons Feldzug werden auch ägypt. Motive übernommen. In England kommt es nach den Meisterwerken Robert Adams zu dem eleganten, gefälligen Klassizismus von Nash. Im Verlaufe der Entwicklung wird der Klassizismus in Europa, den USA und in verschiedenen europ. Kolonien immer mehr zu einer reinen Wiederbelebung von griech., röm. und Renaissanceelementen. Zwar entstehen weiterhin zahlreiche ausgezeichnete Bauten, doch es gibt keine Fortentwicklung mehr. Wie sehr der Klassizismus zu
dieser Zeit bereits seine prägende Kraft verloren hat, lässt sich daran erkennen daß führende Architekten wie Schinkel oder Nash gleichzeitig Bauwerke in anderen europäischen Stilarten entwarfen und damit den Historismus einleiten. | |