Die Gotik ist der Stil der abendländischen
Kunst vom 12.-16.Jh. Sie hat ihren Namen von Vasari, der damit seiner Verachtung gegenüber der Kunst des Nordens (Goten) Ausdruck gab. Entstand in Frankreich, im Kronland des frz. Königreichs (Ile-de-France), aus der Verschmelzung norman. und burgund. Architekturelemente und verbreitete sich von hier aus über ganz Europa. Mit Frühgotik bezeichnet man die Zeit vom Baubeginn von St-Denis (ca. 1135) bis zum Ende des 12. Jhs. (Kathedralen von Sens, Senlis, Noyon, Laon, Paris), mit Hochgotik die
Zeit vom 1194 begonnenen Wiederaufbau der Kathedrale von Chartres bis zum Ende des 13.Jhs. (Kathedralen von Chartres, Soissons, Reims, Amiens, Beauvais, Köln). Die Spätgotik führte in vielen europäischen Ländern zu nationalen Ausprägungen, die zum Teil durch eigene kunstgeschichtliche Termini bezeichnet werden. In Frankreich und in den Niederlanden spricht man vom Flamboyant - Stil, in Deutschland versteht man unter Spätgotik die Deutsche Sondergotik, d.h.
jenen Stil, der seit 1350 von der Familie Parier verbreitet wurde (Tschechoslowakei, Italien). In England, wo die Gotik sich zu einer Art von Nationalstil entwickelte, hat sich ein eigenes System der Bezeichnungen entwickelt: Early English (Ende des 12. Jhs. bis 2. H. 13. Jh.) - Decorated Style (spätes 13. Jh. bis spätes 14. Jh.) - Perpendicular Style (ca. 1330-1560), Grossbritannien. Auch in Portugal hatte die Spätgotik ihren eigenen Namen, den Emanuelstil.
Hauptkennzeichen der Gotik sind: das Verschleifen von Langhaus, Querhaus und Chor zu einem einheitlichen Raum, die Überwindung des Gebundenen Systems der Romanik durch queroblonge Joche, denen im Seitenschiff quadratische entsprechen, die eine schnellere Abfolge der Intervalle ermöglichen und so die Längstendenz betonen, der Spitzbogen in allen seinen Varianten, das Kreuzrippengewölbe das von den von den Pfeilern ausgesandten Diensten getragen wird, und die verschiedenen sich von ihm ableitenden Gewölbe; Auflockerung des Aussenbaues durch Strebebogen und Strebepfeiler, im Innenraum durch weiträumig gesetzte Arkaden, die die Schiffe gegeneinander nur wenig abgrenzen, und die Auflösung der Wände durch Emporen, Triforien, Obergaden mit grossen, maßwerkgefüllten farbigen Glasfenstern. Die Verwendung dieser den Raummantel auflösenden Elemente führte im Verlauf der Entwicklung von der Frühgotik zur Hoch- und Spätgotik durch Reduzierung des Mauerwerkes zu immer kühneren Skelettkonstruktionen. Aufgabe des basilikalen Schemas. Hochaufragende, spitze und sich oft in Filigranwerk auflösende Türme (Straßburg, Freiburg i. B., Butterturm der Kathedrale von Rouen), fliegende Rippen, Netz- und Fächergewölbe und ein Überwuchern des Maßwerkes kennzeichnen die letzte Phase.
Im Profanbau kommt es zu bedeutenden Leistungen, vor allem in den Niederlanden (Tuchhalle Ypern, Rathaus Brügge u. a.), im ehem. dt. Osten (Rathaus Thorn und Breslau) und in Italien (Rathaus Siena, Dogenpalast Venedig). Im 15.-16. Jh. löst die Renaissance die Gotik ab, doch wird in Einzelfällen noch bis ins 1'7. Jh. gotisch gebaut (Posthume Gotik). Im 16.Jh. kommt es zu
einem Wiederaufleben des got. Stils (Gothic Revival), der im 19. Jh. in der Neugotik einen Höhepunkt findet. Neben der Kathedralgotik, die von ihren Anfängen an die Plastik und die Malerei stark in die Konzeption mit einbezog, gab es noch die nach Nüchternheit und Einfachheit strebende Gotik der Zisterzienser und der Bettelorden, die turmlose, querschifflose Hallenkirchen mit reduziertem Strebewerk bevorzugten, oft jedoch die ersten Sendboten der Spätgotik waren. |